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Volkstrauertag 2021

Rede des Bürgermeisters zum Volkstrauertag 2021
14.11.2021
 
Sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Mitchristen,
 
zunächst darf ich mich bei Ihnen, Herr Pfarrer Kircher, recht herzlich bedanken, dass ich heute hier in Ihrem evangelischen Sonntagsgottesdienst, dank Ihrer Gastfreundschaft, ein paar Gedanken zum heutigen Volkstrauertag loswerden darf.
Leider verhindert es die anhaltende Corona-Pandemie dieses Jahr erneut, dass wir unser Gedenken im gewohnten Rahmen im Anschluss an den Gottesdienst auf dem Dorfplatz und am Ehrenmal begehen können.
 
Auf die Pandemie bin ich bereits letztes Jahr in meiner im Amtsblatt veröffentlichten Rede eingegangen. Meine Gedanken dazu gelten bis heute unverändert und ich möchte sie daher nicht wiederholen.
 
Bevor ich wie jedes Jahr versuchen möchte, dem historischen Kontext des Volkstrauertags einen tagesaktuellen Bezug zu geben, lassen Sie uns aber zunächst der Toten gedenken:
 

Am heutigen Volkstrauertag gedenken wir in unserer Gemeinde, wie allerorten, den Opfern beider Weltkriege und der nationalsozialistischen sowie jedweder Gewaltherrschaft.
 
Wir denken heute an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
 
Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
 
Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
 
Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
 
Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege auch unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.
Wir gedenken aber auch derer, die bei uns leider auch heute noch durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.
 
Wir trauern mit den Müttern und mit allen Angehörigen, die Leid tragen um die Toten. Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen, zu Hause und in der Welt.
 
All denen, derer wir gedenken und um die wir trauern, gehört unsere Erinnerung, unser Respekt und unsere Achtung.

 
 
Meine sehr verehrten Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Mitchristen,
 
bei den Gedenkfeiern zum Volkstrauertag ist es mir immer sehr wichtig, diesen Gedenktag in einem aktuellen Zusammenhang zu sehen. Denn die Toten, derer wir heute gedenken, mahnen uns, auch heute wachsam zu sein, und so schreckliche Dinge nicht mehr zuzulassen. Im Jahr 2021 eine Rede zum Volkstrauertag zu halten, bedeutet, nicht umhin zu kommen, sich mit dem vor 80 Jahren, am 22. Juni 1941, erfolgten deutschen Überfall auf die Sowjetunion zu beschäftigen, der zu einer noch radikaleren Kriegsführung führte, als es ohnehin schon seit 1939 der schreckliche Fall war.
 
Lassen Sie uns zunächst einen Blick auf die Dimensionen des ab 1941 völlig radikal geführten Krieges werfen:
Die Sowjetunion erlitt die mit großem Abstand größten Opferzahlen. Rund 13 Mio. sowjetische Soldaten fanden den Tod, darunter über 3 Mio. in deutscher Gefangenschaft, ebenso wie rund 14. Mio. sowjetische Zivilisten getötet wurden. Damit sind über 14 % der sowjetischen Vorkriegsbevölkerung ums Leben gekommen.
In Polen war der Blutzoll noch höher. Rund 17 % der Bevölkerung kam ums Leben, darunter besonders viele Juden, die ermordet wurden. Der Krieg im Osten sollte eben nicht nur der vermeintlichen „Lebensraumgewinnung im Osten“ dienen, sondern war auch ein geplanter Vernichtungskrieg mit dem Ziel der Auslöschung oder Unterdrückung ganzer Völker. In Polen sind, bereits seit 1939, rund 300.000 Soldaten und rund 5,7 Mio. Zivilisten ums Leben gekommen.
Auch Ungarn, als mit dem sog. Dritten Reich verbündetes Land, hatte mit 360.000 Soldaten und fast 1 Mio. ziviler Opfer über 10 % seiner Bevölkerung zu betrauern.
Polen, die Sowjetunion und Ungarn hatten somit einen teils erheblich größeren Bevölkerungsverlust allein auf dem östlichen Kriegsschauplatz zu beklagen, als Deutschland an allen Fronten und Kriegsschauplätzen zusammen, das mit rund 5,2 Mio. Soldaten und 1,2 Mio. zivilen Opfern über 9 % seiner Vorkriegsbevölkerung verlor.
 
Angesichts dieser Tatsachen habe ich mich gefragt, wie das Verhältnis Deutschlands heute zu diesen Ländern aussieht und ob es nicht gerade für diese Länder eine besondere deutsche Verantwortung gibt, die noch über die ohnehin Deutschland aus seiner geschichtlichen Verantwortung heraus zugewachsenen Rolle, hinausgehen muss.
 
Und dies zumal sehr augenfällig ist, dass in diesen Ländern Politik nicht unbedingt für die Menschen gemacht wird. In Russland herrscht sicher keine Meinungsfreiheit. Aus Weißrussland fliehen die Menschen bestimmt nicht ohne Grund. In Polen werden die Gerichte in ihrer Unabhängigkeit beschnitten und in Ungarn herrscht mit Orban auch ein Rechtspopulist. Und dies alles vor unserer östlichen Haustüre.
 
Ich darf nun an der Stelle anmerken, dass ich im Rahmen meiner weiteren Ausführungen weitestgehend Textpassagen und Schlussfolgerungen aus einem Gastkommentar von Thomas Paulsen übernommen und mit eigenen Anmerkungen ergänzt habe, den dieser im Jahr 2019 in der „Neuen Züricher Zeitung“ verfasst hatte, die ich jedoch als zutreffend erachte und deshalb hier umfassend einfließen lassen möchte.
 
„Wir Osteuropäer“ – wenn führende dortige Politiker mit diesen Worten ihre Rede zur Zukunft beginnen, wird deutlich, dass es 30 Jahre nach dem Mauerfall und 15 Jahre nach der Osterweiterung der EU in den Köpfen immer noch eine Grenze in Europa gibt, und die verläuft immer noch entlang des Eisernen Vorhangs. Tatsächlich zeigen Umfragen, dass sich viele Menschen in den östlichen Mitgliedstaaten der EU von ihren westeuropäischen Landsleuten immer noch nicht ernst genommen fühlen. Viele sind der Meinung, dass ihre Interessen und Sichtweisen in Berlin, Paris oder Brüssel nicht ausreichend berücksichtigt werden. Von einer neuen Form des Kolonialismus ist die Rede, wenn große Teile dort einheimischer Branchen ausländischen Eigentümern gehören.
 
Wie also kann Deutschland seiner besonderen Verantwortung und seinen Interessen in Osteuropa heute gerecht werden? Wie kann es dazu beitragen, dass sich Menschen dort von der EU ernst genommen und nicht von Rechtspopulisten besser vertreten fühlen?
 
Trotz wirtschaftlichen Erfolgen, trotz der Integration dieser Länder in EU und Nato, sind sich Ost- und Westeuropäer vielfach fremd geblieben. Für Deutschland muss dies ein Weckruf sein. Kein anderes europäisches Land hat so ausgeprägte Interessen in Osteuropa. Und kein anderes Land ist für die EU-Mitgliedstaaten in Ostmitteleuropa so wichtig wie die Bundesrepublik. Und Deutschland ist ihnen zu Dank verpflichtet, weil die deutsche Wiedervereinigung ohne die Polen, die mit ihrem Freiheitswillen in den 1980er Jahren den kommunistischen Machthabern trotzten, und ohne die Ungarn, die mit der Öffnung des Grenzzauns das erste Loch in den Eisernen Vorhang schnitten, kaum vorstellbar ist.
 
Am augenfälligsten ist die tiefe Verbindung zwischen Deutschland und seinen osteuropäischen Nachbarn in der Wirtschaft. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs investierten deutsche Unternehmen Milliarden von Euro in der Region und schufen Millionen von Arbeitsplätzen. Heute ist Deutschland der größte Handelspartner praktisch aller Staaten Ostmittel- und Südosteuropas.
 
Auch die sicherheitspolitische Bedeutung Osteuropas lässt sich von deutscher Warte aus kaum überschätzen. Durch die Osterweiterung wurde aus dem Frontstaat Deutschland an der Grenze zwischen Nato und Warschauer Pakt ein Land in der Mitte Europas, das nur noch von Freunden und Verbündeten umgeben ist. Nach dem Nato-Beitritt der neuen EU-Mitglieder ist Deutschland im Osten Europas abgeschirmt.
 
Deutschland muss daher ein klares Bekenntnis zur Sicherheit seiner östlichen Nachbarn gegenüber Russland abgeben und dieses durch eigene militärische Fähigkeiten untermauern. In Umfragen offenbart die deutsche Bevölkerung aber immer wieder ihren Wankelmut, wenn es um die Bereitschaft geht, Verbündete gegen Aggression zu verteidigen. Diese weitverbreitete Skepsis wird bei den östlichen Bündnispartnern hingegen aber genauso sorgsam registriert wie die Berichte über die unvollständige Einsatzbereitschaft der Bundeswehr. Die Stärkung der eigenen Verteidigungsfähigkeit wäre daher einer der wichtigsten Beiträge, die Deutschland zum Zusammenwachsen und zum Zusammenhalt der EU leisten könnte.
 
In den Beziehungen zu Russland sind dagegen Standfestigkeit und strategische Geduld das Gebot der Stunde. Dass die EU in der Russlandpolitik nach der Annexion der Krim durch Moskau weitgehend Geschlossenheit gezeigt hat und auch Jahre später an den Sanktionen festhält, ist nicht zuletzt der konsequenten deutschen Haltung geschuldet. Eine Verständigung mit Moskau über die Köpfe der osteuropäischen Verbündeten hinweg, verbietet sich aus historischen und strategischen Gründen. Solange Moskau an seiner Politik festhält, auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion die Prinzipien territorialer Integrität und staatlicher Selbstbestimmung nur eingeschränkt zu akzeptieren, bleibt nur wenig Spielraum für eine Wiederbelebung der deutsch-russischen Beziehungen.
 
Deutschland muss sich auch intensiver mit den strategischen Konsequenzen der chinesischen Seidenstraßen-Initiative in Osteuropa befassen. Wenn die Abhängigkeit gerade kleinerer EU-Mitgliedsstaaten in Osteuropa von China zunimmt, kann das Deutschland nicht gleichgültig sein. Es ist eine gute Sache, wenn China zur wirtschaftlichen Entwicklung in der Region beiträgt. Wenn der chinesische Einfluss aber als Spaltpilz in der EU wirkt, ist dies ein ernstes Problem.
 
Berlin darf gleichzeitig aber erkennbare demokratische Defizite oder Fehlentwicklungen in Osteuropa nicht ignorieren. Wenn Werte und Rechte, die den Kern der EU ausmachen, verletzt oder beeinträchtigt werden, muss Berlin dies benennen und sanktionieren. Die Wahrung von Menschenrechten ist eine besondere deutsche Verpflichtung. Auch wenn es ein Balanceakt ist, weil Deutschland in der Mitte Europas ein überragendes Interesse am Zusammenhalt der EU hat und sich mehr als andere im Verhältnis zu Osteuropa um Ausgleich bemühen muss.
 
Richard von Weizsäcker hat die Osterweiterung der EU einmal als einen der „glücklichsten Tage in der deutschen Geschichte“ bezeichnet. Damit dieses Glück anhält, muss sich Deutschland ganz besonders für das Zusammenwachsen zwischen Ost und West in Europa engagieren. Denn erst wenn Politiker ihre Reden nicht mit „Wir Osteuropäer“, sondern mit „Wir Europäer“ beginnen, ist der Eiserne Vorhang in Europa
– und hier schließt sich der Kreis – der Folge des 2. Weltkrieges ist, endgültig Geschichte.
 
 
 
Im Anschluss an den Gottesdienst werden wir draußen am Ehrenmal im kleinen Kreis im Gedenken an die Opfer der Vergangenheit und in der Hoffnung auf dauerhaften Frieden, im Namen der Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde Vöhringen, den Kranz zu Ehren aller Opfer der Weltkriege und von jedweder Gewaltherrschaft, aber auch zur Mahnung an die Lebenden, symbolisch niederlegen.

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